Anfang Juni war ich - zum Anfang der Regenzeit - einige Tage im Okefenokee-Sumpf mit dem Paddelboot unterwegs. Dieses große Feuchtgebiet liegt an der Grenze zwischen Florida und Georgia in den Südstaaten der USA, nicht weit von der Atlantikküste entfernt. Der Okefenokee ist eine große flache Senke, die im Westen vom Suwanee River entwässert wird. Wie an vielen Stellen in den USA sind die Namen das Einzige, was von den Indianern blieb.

Die Suwannee Canal Company kaufte das Gebiet 1891 vom Staat Georgia, um es in Ackerland zu verwandeln. Dafür sollte der Sumpf trockengelegt und über einen Kanal nach Osten in den St. Marys River entwässert werden. Das wurde schnell teuer, sodass man nach 3 gegrabenen Meilen zunächst einen Kanal in den Sumpf trieb, um dort Zypressen und virgin pine zu ernten. Nach 3 Jahren und 12 Meilen Kanal war die Firma 1894 pleite, das Projekt wurde eingestellt und das Land fiel zurück an den Staat. In der /great depression/ gründete Franklin D. Roosevelt das Civilian Conservation Corps - eine Art Arbeitsarmee - und beschäftigte dort zwischen 1933 und 1942 3 Millionen arbeitslose junge Männer mit der Wiederherstellung der natürlichen Resourcen der USA, so auch dem Okefenokee-Sumpf. Sie stellten eine Straßenverbindung zum Kanal her, forsteten abgeholzte Bereiche wieder auf, bekämpften Waldbrände, räumten den Kanal von Überresten der Arbeiten leer und legten einen Großteil der noch heute benutzten Wege und Straßen rund um den Sumpf an. So wurde dieses große Feuchtgebiet, mit nur wenig menschlicher Beeinflussung für die Öffentlichkeit zugänglich.

Meine Tour startet am Haupteingang, den Anfang ebenjenes Kanals. Da eine Anreise ohne eigenes Auto jenseits aller amerikanischen Vorstellung (zumindest in den Südstaaten auf dem Land) ist, habe ich also einen Mietwagen genommen, um ihn für drei Stunden zu fahren und vier Tage abzustellen. Eine Parkerlaubnis gibt es zur Camperlaubnis natürlich automatisch dazu…

Am Haupteingang befindet sich die Suwannee Canal Recreation Area, wo es ein Besucherzentrum und mehrere Naturlehrpfade gibt. Außerdem werden dort Boote für Tagesausflüge und - genehmigungspflichtige - Mehrtagestouren verliehen. Für die Übernachtung im Sumpf stehen einige Holzplattformen zur Verfügung, wo es außer einer Komposttoilette und einem Dach keine Infrastruktur gibt.

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Übersicht über die befahrenen Wasserwege im Naturschutzgebiet.

Meine Tour führt mich über die Stationen Canal Run, Floyd’s Island und Round Top, dabei bekomme ich sowohl bewaldete Flächen als auch offene Prairie zu Gesicht. Schon beim Checkin am Vorabend sehe ich die ersten Alligatoren im Hafenbecken, zwei Tiere liegen träge im Wasser. Als ich am andern Morgen meine Sachen im Boot verstaut habe und auf den Kanal hinaus paddle, höre ich nach 10 Minuten und 10 Alligatoren auf zu zählen. Wie bei den Digedags (Mosaik 209 - In den Sümpfen Floridas) wimmelt es nur so von zahnreichen Reptilien. Man sieht von ihnen meist nur den Kopf, wenn man näher kommt ziehen sie sich meist zurück und nur noch Augen und Nasenlöcher gucken aus dem Wasser. Diese können sie wie mit Augenlidern verschließen, wenn sie auf Tauchstation gehen.

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Freundlich dümpeln die Alligatoren im Wasser.

Das Wasser ist braun wie Tee und es wird davon abgeraten es ungekocht zu trinken. Daher habe ich einen stattlichen Vorrat von ungefähr 17 Litern Wasser dabei. Bei durchweg über 30°C, hoher Luftfeuchtigkeit und oftmals auch - entgegen der Wettervorhersage - prallem Sonnenschein schwitzt es sich ganz herrlich. Beim Bootsverleih hat man mir eine Gallone (knapp 4 Liter) Wasser pro Tag empfohlen - zurecht.

In das Sumpfwasser kann ich nur bei direktem Sonnenlicht ein paar Zentimeter hineinschauen, meist fahre ich wie auf einem Spiegel. Auf der Oberfläche schwimmt im Wald eine Schicht Tanninsäure, ein Abbauprodukt der ins Wasser fallenden Zedernnadeln.

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Der Anfang des Kanals ist ausladend breit.

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Wenig später engt sich der Querschnitt enorm ein, und es gibt auch ein wenig Schatten auf dem Wasser.

Anfangs ist der Kanal bestimmt 15 Meter breit, und auf beiden Seiten mehr oder weniger dicht von Bäumen begrenzt. Dazwischen und dahinter wirkt es oft eher nicht wie fester Boden, ein richtiges Ufer scheint es streckenweise nicht zu geben.

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Auch wenn es wie Wiese erscheint, sind es doch alles schwimmende Grasballen, die bei Belastung sofort untertauchen.

Nach einer Weile wird der Wald am Kanalrand dichter, aber das Ufer kaum weniger konkret. Dann engt sich der Kanal auf etwa 7 Meter ein und verläuft leicht mäandrierend durch den Wald. Ab und zu lassen Abstände zwischen den Bäumen einen Blick oder gar einen Abstecher in die nur wenige Meter hinter der Baumreihe liegende Prairie zu. Dort gibt es ausgedehnte mit Seerosen bewachsene flache Wasserflächen und schwimmende Grasinseln, von denen einige mit Büschen bewachsen sind.

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Auf der freien Prairie jenseits der den Kanal begrenzenden Bäume gibt es nur einzelne baumbestandene Inseln in einer sonst von Seerosen und schwimmendem Gras dominiertem offenen Landschaft.

Auf dem windgeschützten Kanal gibt es unglaublich viele Beißfliegen, dank ihres gelben Körpers kann man sie aber immerhin gut sehen. Außerdem brauchen sie eine ganze Weile, bis sie stechen, dann zwickt es und man hat einen kleinen Bluterguss. Zum Glück scheinen diese Stiche nicht sehr zu jucken. Als Gegenwehr wurde mir ein scharfes Mittel empfohlen, das fast nur aus DEET besteht. »It doesn’t solve the problem, but it helps«. Damit sprühe ich mich regelmäßig ein, wenn die Plage zu arg wird. Dann sind sie auf (kleinem) Abstand gehalten, fliegen also nur herum und setzen sich nicht auf die besprühten Stellen. Nun schmiert man so ein Gift lieber nur sparsam ins Gesicht… Immerhin können die Biester nicht in den Ärmeln hoch krabbeln!

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Lange Flechten an den Bäumen und ein undurchdringliches Dickicht am Ufer.

Die erste Übernachtungsstelle erreiche ich nach rund 10 Meilen (~16 km) Paddelei auf dem Kanal. Eine versteckte Stelle in einer Biegung, genannt Canal Run. Da ich früh aufgebrochen und zügig gepaddelt bin (wo soll man auch zwischendurch hin??) habe ich noch eine Menge Tag übrig, und so beschließe ich zu angeln. Die Angelerlaubnis habe ich zuvor im Internet eingeholt, für günstige $22 kann ich vier Tage lang in ganz Georgia fischen soviel ich kriege… Einen Kenntnisnachweis benötigt es natürlich nicht.

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Eine der seltenen Gelegenheiten, einen Alligator außerhalb des Wassers anzutreffen.

Kurz nach dem Beginn der Angelei kommt auch schon ein interessierter Alligator herbei. Er schwimmt stets ganz in die Nähe dessen wo ich meine Angel hinwerfe, wie um sicher zu gehen, dass auch garantiert kein Fisch in der Nähe ist. Ich spiele mit und wechsele immer wieder schnell den Platz, und ziehe tatsächlich nach kurzer Zeit einen etwa handgroßen Fisch aus dem Wasser. Es ist ein Sonnenbarsch.

Zum Abendbrot lasse ich mir den Fisch schmecken, und verkrieche mich sobald wie möglich in mein unter dem Dach aufgespanntes Innenzelt, um den immer zahlreicher werdenden Insekten zu entkommen. Am nächsten Morgen starte ich früh, und paddle durch einen Seitenkanal hinaus auf die Chase Prairie. Die offene Landschaft besticht durch wesentlich weitere Sicht über Grasland, das sich bei näherer Betrachtung als schwimmend erweist. Dazwischen liegen offene Kanäle voller Seerosen, Alligatoren treffe ich hier deutlich seltener.

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Die paddelbaren offenen Gewässer sind selten breiter als 3m

Besonders fällt mir eine fleischfressende Pflanze auf, die zu deutsch einfach Schlauchpflanze heißt. Einerseits hat sie Blüten, wo sie vornehmlich durch Bienen bestäubt wird, andererseits große oben halb abgedeckte Schlauchblätter, wo sie Insekten fängt.

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Die hooded pitcherplant - zu deutsch Schlauchpflanze - ist eine fleischfressende Pflanze.

Tiere begegnen mir auf der Prairie wenig. Die Insekten scheuen das offene Gebiet, Säugetiere sind auf den schwimmenden Grassoden außerhalb der bewaldeten Sandinseln schlecht dran und Vögel fliegen meist schon beim ersten Sichtkontakt auf. Einige Waldstörche kann ich in großer Entfernung beobachten, sonst gibt es wohl auch noch Sandkraniche, die ich aber nirgends entdecke.

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Waldstörche sind sehr scheu, näher als ca 500m komme ich ihnen nicht, bevor sie flüchten.

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Die offenen Wasserflächen sind meist mit Seerosen übersäät.

Die Vetegation im Sumpf wird schon seit Jahrtausenden durch regelmäßige Waldbrände klein gehalten. Dabei brennen vor allem die Bäume und Sträucher ab, schwimmende Grasflächen dämmen das Feuer ein. So entsteht immer wieder offener Lebensraum, der die Vielfalt der Tiere im Gebiet beherbegt, und eine Verwaldung wird verhindert. Um die Feuer nicht zu groß werden zu lassen wird im Nationalpark regelmäßig kontrolliert Feuer gelegt. Damit reduziert sich die Menge an Totholz, und Brände können sich weniger ausbreiten.

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Durch regelmäßige Waldbrände wird die Vegetation klein und buschig gehalten.

Im Norden der Prairie wird die Vegetation zunehmend buschiger und selbst die freigehaltenen Kanäle sehr flach und schlammig. Dort mache ich nur einen kleinen Ausflug und kehre bald zu meiner vorgegebenen Route zurück.

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Buschland im Norden der Prairie

Meine nächste Übernachtung liegt auf Floyds Island, einem in Nord-Süd-Richtung etwa 5 Kilometer langen Sandbuckel. Die Einfahrt dorthin führt durch einen Kanal, der zwischen hohen Bäumen und engen Büschen einigermaßen kurvig und immer flacher wird. Die im schlammigen Wasser liegenden Äste und Stämme machen das Durchkommen schwer, doch schließlich erreiche ich den Landeplatz am Ufer.

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Die Einfahrt in den Wald rund um Floyds Island ist spektakulär.

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Der Kanal wird immer flacher und schmaler.

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Östlicher Landeplatz auf Floyds Island

Der erste feste Boden unter den Füßen fühlt sich gut an, und ich erkunde die Umgebung. Vor dem kleinen Hafen erstrecken sich ein paar Meter freier Boden, ein alter verrosteter Bootswagen bietet sich zum Bootstransport an und ein Weg führt in die Büsche hinauf auf die Insel.

Abseits des Weges lädt der Wald nicht zum Begehen ein. Große Spinnen hängen zwischen Ästen, überall stehen stachelige Pflanzen und dichtes Unterholz mutet wie ein gutes Schlangenversteck an. In der Mitte der Insel findet sich eine stattliche Hütte, unter großen Bäumen gelegen. Leider wurde sie kürzlich von einem dieser Bäume angefallen, sodass der hintere Teil des Hauses zerstört ist. Da auch der Rest wenig gastlich wirkt, folge ich dem Weg weiter bis zur anderen Seite der Insel. Nach wenigen Metern komme ich an den westlichen Hafen, doch das Becken ist trockengefallen und nur ein bisschen Matsch ist vom Wasserwanderweg übrig.

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Abseits des Weges ist der Wald auf der Insel für mich praktisch undurchdringbar.

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In der Mitte der Insel gibt es eine romantisch gelegene Hütte, die leider durch einen Baum beschädigt wurde.

Auf den großen Langnadel-Kiefern wohnt der selten gewordene Rotspecht. Einen von ihnen kann ich aus der Ferne sehen, aber auch im Wald ist es relativ still - abgesehen von beißendem Insektenvolk.

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Alte Sumpf-Kiefern bilden die Lebensgrundlage für seltene Specht-Arten.

Abends beobachte ich Libellen bei der Jagd auf die Beißfliegen. Da sich letztere um mich scharen, setzen sich die Libellen in einiger Entfernung auf die Isomatte, um dann plötzlich auf mich zuzufliegen, eine Fliege zu greifen und sich zurückzuziehen. Oftmals werde ich dabei von den großen Libellen direkt im Gesicht angeflogen, sodass es mir bald lästig wird und ich mich trotz großer Hitze ins Zelt verziehe. Zumindest das Überzelt lasse ich offen, um ein bisschen Zirkulation zu erreichen.

Nachts jedoch kommt Regen auf, und ich muss das Zelt dicht kriegen. Zudem höre ich Knacken und Rascheln um Gesträuch rund um das Zelt, und der Gedanke an Schwarzbären liegt nicht fern. Die Nacht verläuft dementsprechend unruhig, und ich bin froh morgens wieder auf zu sein.

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Hängende Flechten in der Morgensonne

Der neue Tag verspricht heiß zu werden, sodass ich mich früh auf den Weg mache. Es geht zurück durch die flache Zufahrt und hinaus auf die Prairie. Ziel ist die mitten in der Chase Prairie stehende Platform Round top. Aufgrund einer dräuenden Regenfront beeile ich mich, das Ziel zu erreichen und unternehme keine größeren Erkundungen der vereinzelten offenen Wasserflächen.

Zwischendurch rumpelt es auf einmal am Heck des Bootes, und ich erschrecke mächtig. Ein Fisch ist vor Schreck aus dem Wasser gesprungen und direkt in mein Boot gefallen. Dort zappelt er nun, zwischen Wasserkanister und Kochausrüstung. Später finde ich heraus, dass es sich um einen Hecht handelt. Ich verspeise ihn zum Abendbrot - aber davon wird noch zu berichten sein.

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Die Platform Round Top liegt erhöht mitten in der Prairie

Durch die Eile erreiche ich Round Top zur Mittagszeit und habe so noch massig Zeit, die Umgebung zu genießen. Die Platform liegt inmitten des Graslandes an einem kleinen Teich, und vom Dach hat man einen wunderbaren Ausblick über die Umgebung. In der Ferne sind beeindruckende Wolkenberge zu sehen - die Vorboten der beginnenden Regenzeit.

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Von der Platform gibt es herrlichen Rundumblick auf die Prairie und die baumbewachsenen Inseln in der Nähe.

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Die einsetzende Regenzeit zeigt sich auch in beeindruckenden Wolkenbergen

Auch in der Nähe gibt es viel zu beobachten. Im Tümpel schwimmen zwei Alligatoren, ich beobachte grasende Schildkröten und Frösche. Später versuche ich mich am Angeln und werde dabei von den Alligatoren anfangs missmutig beäugt. Nach wenigen Buntbarschen, die ich erhasche, kommen sie jedoch darauf, dass ich keine Chance aufs Herausziehen habe, wenn sie in der Nähe meiner Leine herumlungern. So beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel, in dessen Verlauf die Reptilien zusehends gereizter werden, und auch mit Knurren und Fauchen ihrem Unmut Luft machen. Um der guten Nachbarschaft willen stelle ich also den Nahrungserwerb fürs erste ein und widme mich der Zubereitung. Nach dem Filetieren der relativ kleinen Fische und der Entsorgung der Reste diskret über die hintere Reling mache ich mich ans Braten. Der zuvor noch recht zuverlässige Gaskocher beschließt jedoch, vor getaner Arbeit den Betrieb einzustellen. So sitze ich nun da mit zwei halbgaren und einigen rohen Fischfilets. Rohen Fisch hatte ich schon in Grönland als Option erprobt und für nicht gut befunden, zumal mit Sumpfwasser abgespült.

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Kritisch beäugen die Alligatoren meine Angelversuche

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Rotbauchschildkröte auf Futtersuche.

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Quaak.

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Auch wenn die Graslandschaft solide wirkt, ist es doch nur ein dünner schwimmender Teppich.

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Abendstimmung über der Prairie

Endlich kommt auch ein bisschen Regen, und im Nachgang gibt es einen schönen Regenbogen. Am Abend lässt sich dann - oh Wunder! - auch der Kocher wieder zu einem kurzen Kochintermezzo herab und ich kriege alle Fische leidlich gar.

Bald darauf verziehe ich mich ins aufgestellte Innenzelt, und lausche von dort dem bei Dämmerung einsetzenden Prairiekonzert. Neben verschiedenen Fröschen und Zikaden mischt sich immerwieder mal ein lautes Platschen in die Kakofonie.

Am nächsten Morgen ist die Luft noch kühl und die Holzplanken der Platform taufeucht. Ich packe meine wenigen Sachen ins Boot und bereite mich auf die Rückfahrt zum Ausgang des Nationalparks vor. Vor mir spielt sich derweil ein Naturschauspiel ab. Ein Alligator hat sich etwa 10 Meter entfernt auf die schwimmenden Grassoden geschoben und sitzt dort nun im flachen Wasser. Dann macht er einen Buckel, reißt den Kopf hoch und das Maul auf und gibt ein gurgelndes Gebrüll von sich, vermutlich einen Balzruf. Auf Warmblüter wirkt das jedoch sicherlich nur abschreckend… ein Spektakel ist es dennoch.

Die Rückfahrt durch die Prairie zum Suwannee-Kanal verläuft recht eintönig. Schnell ist es drückend heiß geworden und die Sonne brennt auf mich nieder. So bin ich froh den zumindest teilweise schattigen Kanal zu erreichen, wo auch die Alligatoranzahl wieder rapide zunimmt. Auf einem Baumstamm erhasche ich einen Blick auf eine sich sonnende Schildkröte, die jedoch bei meinem Herannahen schnell ins Wasser gleitet.

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Blick durch die Baumreihe am Kanal in die Prairie.

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Eine Sumpfschildkröte beim Sonnen.

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Dschungelgefühl

Durch die Angelerfolge des Vortags angestachelt beschließe ich, einen Angelhaken hinter dem Boot herzuziehen. Es verheddert sich zwar lange nur Gestrüpp darin, doch schließlich fängt die Leine wild an zu Zerren, und ich ziehe einen stattlichen Fisch ins Boot. Als er weder durch Schläge noch durch gutes Zureden aufhört zu zappeln lege ich ihn hinter den Sitz und fahre weiter. Später, an einer Holzplatform für Tagesausflügler, lege ich an und will den Fisch filetieren und braten. Zwei ansässige Alligatoren haben jedoch anderes vor, und kommen neugierig näher. Während sich der eine bald verzieht, ist der Größere penetrant und versucht, dem Fischgeruch folgend, in das Boot und auf die Platform zu kommen. Nur mit dem Paddel kann ich ihn verjagen, und um weitere Konfrontation zu vermeiden packe ich meine Sachen samt rohem Filet und ziehe vondannen. Um dem vor dem Boot fauchenden Ungeheuer zu entkommen ziehe ich das Boot über die Platform und setze auf der anderen Seite ein.

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Besuch!

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Inspektion.

Später erklärt man mir, dass durch das Niedrigwasser die Alligatoren aus den Sümpfen in die Kanäle wandern und sich dort starke Konkurrenz um Revier und Futter machen, sodass alle etwas gereizt sind. Eine solche Konfrontation mit Alligatoren reicht mir, daher fahre ich ohne Zwischenstopp über die teebraunen Kanäle zurück bis in die Zivilisation.

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Eine Schicht Tanninsäure überzieht das Wasser des Kanals

Kurz vor dem Ausgang kommt ein Sturm auf, und eine Regenfront jagt an mir vorüber. Der finstere Himmel und der Wind lassen erahnen, wie die Regenzeit aussehen kann. Mich ereilen nur einzelne Tropfen, und ich erreiche erleichtert den Hafen.

Nach Bootsrückgabe fahre ich noch zu einigen Lehrpfaden, u.a. mit einem Turm und Ausblick über die Prairie. Doch nach den intensiven Erfahrung der vorherigen Tage bleibt das recht blass, einzig die Waldbrandspuren lassen sich so einmal aus der Nähe betrachten.

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Überbleibsel von Waldbränden findet man am Lehrpfad überall.

Im Rückblick auf diese Reise ist mir klar geworden, wie ich die Natur hier zum ersten Mal als bedrohlich wahrgenommen habe. In den europäischen Wäldern und Gebirgen, in der Arktis und selbst in Japan ist die Natur als Ganzes nicht bedrohlich. Klar gibt es in Japan Bären, in den Alpen Steinschlag und so weiter, aber im Okefenokee habe ich mich zum ersten Mal von allen Seiten bedroht gefühlt. Alligatoren, beißende Insekten, große Spinnen, Schwarzbären, Schlangen… ohne Boot, Paddel, Zelt ist ein Rauskommen schwer vorstellbar.

Auf dem Rückweg zum Flughafen fahre ich mit dem Pickup durch das Hinterland, höre 99.9 Gator Country und habe das Gefühl, einen sehr amerikanischen Moment zu erleben.