An dieser Stelle soll es um ein ungewöhnliches Thema gehen - unser jüngstes chorsinfonisches Konzert. Dieses wurde im Rahmen der Greifswalder Bachwoche 2019 in Greifswald und Lübeck als Gemeinschaftswerk von den Domchören beider Hansestädte aufgeführt.

Gerard Bunk lebte von 1888 bis 1958 und ist vor allem als Verfasser von Orgelmusik bekannt. Er war ein großer Verehrer von Bach, hat auch in der Nazizeit Mendelssohn (unter Angabe falscher Komponistennamen) aufgeführt und stand im Austausch mit Albert Schweitzer. Sein Oratorium Groß ist Gottes Herrlichkeit schrieb er zwischen 1940 und 1946, uraufgeführt wurde es 1948 in der Dortmunder Reinholdi-Kirche, wo Bunk Organist war.

Als ich Ende 2018 das erste mal den Klavierauszug dieses Oratoriums in den Händen hielt, war ich nicht begeistert. Die handgeschriebenen Noten waren - wiewohl sehr sauber geschrieben - sehr gewöhnungsbedürftig zu lesen und auch die Musik ließ einen gewissen spätromantischen Überschwang erwarten.

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Das Orchestervorspiel beginnt mit einem mächtigen Bläsersatz

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Blick in den Klavierauszug. Die Partitur ist zweibändig und im A3-Format gedruckt.

Im Verlaufe der Proben erwies sich das Werk als sehr vielgestaltig. Das Libretto zum Stück schrieb eine Freundin, Martha Heinemann, für ihn und auch die Musik entstand unter Eindruck des Bombenkrieges. Ein »[…]immer dicker werdende[s] Notenpaket[] bei jedem Alarm in den Bunker[…]« (Erinnerungen von Martha Heinemann) mitzunehmen, und dann noch die Zerstörung der Heimatkirche St. Reinoldi zu erleben, das waren die Bedingungen, unter denen das Werk entstand.

Der Text ist für mein Empfinden naiv und an vielen Stellen sehr simplifizierend, sodass mir ein Zugang anfangs sehr schwer fiel. Als Beispiel diene hier das Beispiel der Lerche, die singt: »Auf unsichtbarer silberner Leiter trag ich mein Herze Dir jauchzend entgegen[…]«.

Doch manche Stellen sind - zumal vor dem Kriegshintergrund - wiederum sehr nahbar. So singen die Schneeflocken (der Frauenchor) davon, dass eine schmelzende Schneeflocke zum Brünnlein für die Kräuter ringsumher wird und schließt: »Denn nirgends ist das Ende, immer nur Wende und neue Werdenslust. So wandelt Gott uns alle, wie es ihm wohlgefalle, und nirgends ist Verlust.« Und auch aus dem Gesang der Baumeister (Männerchor) spricht Demut: »Und will das Werk auch stolz uns scheinen, birgt auch Gebet sich in den Steinen, so ists doch nur ein Häuflein Staub gegen den Dom aus Stamm und Laub.«

Diese Demut und kindlich-naive Zuversicht in Hinblick auf den einen personifizierten Gott, der die Natur ganz richtig eingerichtet hat, ist sicherlich gerade aus der Entstehungsgeschichte zu verstehen. Trotzdem fällt mir die Annahme dieses Textes nach wie vor streckenweise schwer.

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Konzert im Greifswalder Dom St. Nicolai. Foto: H. Lippke

Aufgeführt haben wir dieses Werk gleich zweimal: Einmal im Greifswalder Dom, und tags darauf im Lübecker Dom. Beide Kirchen sind bedeutende Kirchen der Backsteingotik, und haben durch das simple weiß gekalkte Innere auch eine gewisse Ähnlichkeit. Während jedoch der Greifswalder Dom hoch und schlank wirkt, ist der Lübecker Dom eher breit und ausladend und wird vom großen Kruzifix dominiert.

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Konzert im Lübecker Dom.

Die doppelte Aufführung in verschiedenen Akustiken gab mir die Möglichkeit, mich deutlich tiefer in das Stück einzuhören. Las ich in Greifswald fast alle Stücke im Klavierauszug mit, bot mir in Lübeck das vorzüglich recherchierte und gestaltete Programmheft Hintergründe, die beim Hören neue Einsichten eröffneten. Erst nach der zweiten Aufführung empfinde ich wirklich eine Art Verständnis für das Werk.

Die extreme Vielgestaltigkeit des Stückes ist fast erschlagend. Im Orchestervorspiel klingt das Hauptmotiv an, getragen von einem mächtigen Bläsersatz. Die Anfangsarie im Alt (Die Nacht) erinnert in gewisser Weise an Gustav Mahler, während andere Stücke - zb die oben zitierte Lerche Erinnerungen an auf der Waldlichtung tanzende Disney-Prinzessinnen wecken. Das Feindbild wird in den Abtrünnigen beschworen: »Wir hasten und wir jagen, erdulden tausend Plagen.« Die mechanische Hektik des Orchesters erinnert dann an Charlie Chaplins Moderne Zeiten, wo der Mensch ganz Sklave der Maschine wird. Im Musikus wird nun ganz der Bachsche Geist beschworen. In einem jubelnden Bläsersatz wird der Musik gehuldigt - sicherlich erkannte sich Bunk auch selbst in diesem Stück. Der Schlusschor beschließt in gewaltigen Tönen diesen fast zweistündigen Reigen. Er versammelt eine barocke Fuge, Bolero-artige Parallelrückungen und einen fulminanten spätromantischen Schluss zu einem mächtigen Gesang: »Wie groß bist Du - wie klein sind wir!«.

Wir durften ein beeindruckendes Werk der modernen Chormusik kennen lernen, und auch die Zusammenarbeit mit dem Lübeckern hat viel Freude gemacht. Auch wenn ich theologisch sicherlich nicht mit allem einverstanden bin - solche Kultur- und Gemeinschaftspflege leistet die Kirche wie keine andere Institution. Vielen Dank auch dafür!

Mit Material aus dem Programmheft des Freundeskreises der Lübecker Domkonzerte e.V., Bild HGW mit freundlicher Genehmigung (alle Rechte vorbehalten) H. Lippke.