Der Vercors ist ein westlicher Ausläufer der Alpen, und erstreckt sich südwestlich von Grenoble über 50km nach Süden und 30km nach Westen. Er besteht hauptsächlich aus Kalkstein und ist im südlichen Teil eine große Karst-Hochfläche, die nach Norden in mehrere Täler ausläuft. Auf der Ostseite bricht der Vercors an einer Kante steil in die Nebentäler des Drac ab, und hat an dieser Kante auch seine höchsten Gipfel. Diese Wanderung führt mich entlang der Ostkante des Vercors nach Norden.

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Route

Schon die Anreise mit dem Regionalzug von Veynes über den Col de la Croix-Haute (1165m) ist ein Erlebnis. Der Dieselzug zuckelt mit gefühlten 40 km/h den Berg hinauf, durch die Täler blitzen hin und wieder die schneebedeckte Riesen des Pelvoux, und die Strecke ist äußerst kurvig und angesichts der steilen Hänge frage ich mich mehr als einmal wo denn hier bitte eine Bahnlinie verlaufen soll…

Meine Fahrt endet in Clelles-Mens, und die Wanderung beginnt. Ich mache mich entlang des lokalen Bachs auf den Wanderweg nach Trézanne, die Nacht verbringe ich an einer Pferdekoppel mit Blick auf den Mont Aguille.

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Abendlicher Blick auf den Mont Aiguille von Westen

Der Mont Aiguille hieß im Mittelalter Mons Inaccessibilis, und wurde 1492 auf Anweisung von König Karl VIII. durch seinen Kammerherrn erstbestiegen. Dies gilt, zusammen mit der Erstbesteigung des Mont Ventoux in der Provence 1336 durch Petrarca, als Ursprung des Alpinismus.

Mein Interesse gilt jedoch eher dem Wandern im Vercors, daher mache ich mich hinter Trézanne an den Aufstieg zum Col des Pellas (1300m).

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Panorama vom Col des Pellas zum Mont Aiguille (links), Peyre Rouge (mitte) und dem Grand Veymont (rechts)

Kurz unterhalb erhasche in einen ersten Blick auf das südliche Vercors. Ein paar Meter muss ich ins Tal absteigen, bevor ich über Fahr- und Waldwege bald zwischen Sommet de Peyre Rouge und Petit Veymont entlang eines kleinen Baches zum Hochplateau des Vercors aufsteige.

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Aufstieg zwischen Peyre Rouge und den Veymonts hinauf aufs Hochplateau

Über einen Geröllhang und ein paar letzt felsige Meter erreiche ich unvermittelt das Hochplateau. Dort stehe ich an einer Abbruchkante, die eine sanft gewellte Hochebene begrenzt.

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Links der Petit Veymont, daneben die Abbruchkante des Hochpateaus.

Vor mir erhebt sich der Grand Veymont, seines Zeichens mit 2341m höchster Gipfel des Vercors und sein wie ein abgebrochener Riesenzahn wirkender Vorgipfel, der Petit Veymont.

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Blick auf den Grand Veymont von Süden, davor die freundlich gewellte Hochebene

Ich wende mich zum Grand Veymont, wo ich in der Enfernung schon einige fröhlich die Marseillaise schmetternde Franzosen hinziehen sehe. Mit jedem Schritt den Berg hinauf steigt der Mont Aiguille in meinem Rücken weiter über die Abbruchkante auf, und ich kann mich an diesem Berg einfach nicht satt sehen.

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Von der Südflanke des Grand Veymont ist der Mont Aiguille in seiner vollen Schönheit zu bewundern. Dahinter erstreckt sich das breite Tal des Drac und die hochalpinen Bereiche der Dauphiné.

Angesichts drohenden Regens beschleunige ich meinen Aufstieg und erreiche recht bald den recht breiten Gipfel.

Dort fühle ich Spinnenweben im Bart kitzeln, und wundere mich noch darüber. Kurze Zeit später merke ich ein Kribbeln in den Fingerspitzen, und auf meiner Jacke fängt es an zu knistern - da wird mir bewusst, dass ich gerade Entladungen statischer Elektrizität beobachte. Diese Koronaentladungen sind im Volksmund als Elmsfeuer bekannt, das Knistern heißt oft Pickelsausen. Das Phänomen lädt trotz plausibler Gefahr natürlich zum Erkunden und Spielen ein. Darin bestärkt mich auch die Gelassenheit aller anderen Anwesenden auf dem Gipfel. Nach kurzer Zeit setzt jedoch Schneefall ein und die statische Aufladung ist verschwunden.

Später wird mir klar, dass in einem solchen Fall ein sofortiger Abstieg dringend geraten ist, um die Gefahr von Blitzschlag zu minimieren. Das werde ich mir für eventuelle Wiederholungen natürlich zu Herzen nehmen, und tue das hier auch als Hinweis an alle Interessierten kund.

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Der Blick über den Grat des Vercors bietet einen Vorgeschmack auf die zu erwartenden Erlebnisse

Vom Grand Veymont geht es nordwärts hinab zum Pas de la Ville (1925m), wo ich einige Gämsen beim Grasen störe.

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Gämse am Pas de la Ville

Dann wende ich mich nach Westen und steige ins Hochplateau ab, das mich schnell mit hügeligem Wald umfängt, der immer wieder von offenen Magerrasenflächen und nacktem Kalkstein durchbrochen ist. Das Wetter klart auf und im Sonnenschein wandere ich durch die hügelige Landschaft, die Blumen blühen auf den Wiesen und in der Ferne leuchten die Wolken in der Abendsonne.

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Fast parkähnlich wirken die halboffenen Magerrasen in der Karst-Hochebene
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Abendsonne

Durch den Karst versickert jegliches Wasser im Untergrund, und oberirdische Wasserläufe sind nicht zu finden. Es gibt jedoch einige Brunnen, die mit großem Aufwand eingefasst sind und die einzige Wasserquelle für die reichlichen Wanderer darstellen.

In der Nähe einer dieser Quellen schlage ich mein Nachtlager auf, halte aber sicheren Abstand zur überfüllten Hütte.

Im Vercors gibt es eine ganze Anzahl frei verfügbarer Hütten, die sich von Ausstattung und Größe nicht sehr von denen aus dem Valgrande unterscheiden. Sie heißen meist Cabane und sind für jeden Wanderer nutzbar.

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Zwischendurch führt der Weg durch urige Wälder

Am nächsten Morgen packe ich meine Sachen, und wandere weiter über urige Wälder durch die Hochebene. Bald biege ich jedoch auf einen unmarkierten und wenig sichtbaren Weg hinauf zum Grat ab, der mich auf den Pas de Serre Brion (1960m) bringt. Neben ein paar Steinmännchen gibt es nur sporadische Wegspuren, sodass ich mich zum Navigieren hier auch auf das GPS verlassen muss.

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Der Grat ist gekennzeichnet von einer ansteigenden Flanke, die oben jäh abbricht

Der Grat präsentiert sich mit zwei Gesichtern. Von Westen steigt er gerade und kontinuierlich an, wird dabei wetterbedingt immer karger und läuft schließlich in Spitzen zu. Auf der Ostseite hingegen fällt er in nahezu senkrechten Wänden ab, an deren Fuß sich lange Geröllhalden anschließen.

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Entlang des Grates nach Norden zum Grand Moucherolle und der großen Schwester Agathe (ganz rechts)

Mein Weg führt mich nun entlang des Grates, auf wenig ausgetretenen Pfaden stets auf und ab. Mal verliere ich den Pfad völlig und muss nach GPS durch das steile und teils unwegsame Gelände stapfen, um den Weg wieder zu finden.

An den Tiefpunkten des Grats stehe ich oft unvermittelt an steilen Abgründen, die den Blick hinab und auf die Wälder und Dörfer östlich des Vercors freigeben. So überschreite ich einige (auf meinen Karten) namenlose Gipfel und die dazwischenliegenden Pässe, die dafür oft Namen tragen: Pas de l’Etoupe, Pas Morta, Pas Ernadant.

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An den Tiefpunkten des Grats ergeben sich oft atemberaubende blicke auf die steilen Abhänge. Im Hintergrund grüßt der Mont Aiguille.

Leider verschlechtert sich das Wetter zusehends, und die Schauer rücken mir immer dichter auf den Leib. Zugleich fordert der Weg mich mehr als mir das bewusst ist. Als mich schließlich am Tête des Chaudieres (2029m) ein langer Hagelschauer einholt, und ich unterm Regenschutz langsam auskühle, ist die Kraft für den Tag zuende.

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Mistwetter zieht auf

Am darunterliegenden Pas de la Balme baue ich mein Zelt im Regen auf, und entdecke auf der Suche nach Trinkwasser beim Abstieg nach Osten eine überhängende Felskante direkt am Abstiegsweg, die ich als bessere Übernachtungsalternative zu nutzen beschließe.

Die anvisierte Quelle bei der Scialet des Sarrasins ist nicht zu finden, dafür tropft es an einigen Stellen so reichlich aus der Felswand, dass ich meine Flaschen mit etwas Geduld trotzdem gefüllt kriege.

Die Felswand bietet einigen Schutz vor dem Regen, fällt dafür aber auch weniger als einen Meter neben mir in einer steilen und von Gämsen begrasten Grasflanke zur nächsten Steilstufe ab. Trotzdem erscheint mir die Stelle geeignet genug, und ich verkrieche mich bald ins Bett und lausche noch eine Weile Wind und Regen, die den Hang hinaufwallen.

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Blick auf den zwischen den Abbruchkanten verlaufenden Weg mit grasenden Gämsen. Unter dem überhängenden Felsen wird mein Nachtlager sein.

Eine nächtliche Pinkelpause im Mondenschein lässt Gutes fürs Wetter erwarten, und tatsächlich präsentiert sich der Morgen mit einem wolkenlosen Himmel und traumhaftem Blick entlang des Vercors-Bogens. Im Süden blicke ich bis zum Grand Veymont und zum Mont Aiguille, im Norden sehe ich die Moucherolles und die große Schwester Agathe, die das Ende des Bogens markiert.

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Morgendlicher Blick nach Süden

Ich steige den Weg ab und laufe auf dem unterhalb der Abbruchkante verlaufenden Weg, dem sogenannten Balcon Est. Dieser zieht sich nahezu konstant auf der Höhenlinie entlang der Abbruchkante und ermöglicht so ein flottes Fortkommen. Schnell geht es vorbei an Petit Moucherolle (2156m) und Grand Moucherolle (2285m) und den beiden Schwestern Agathe (2194m) und Sophie (2162m).

Der Balcon Est führt am steilen Hang entlang, wo sich Bäche steile Betten gegraben haben. Diese durchschneiden die Kalksteinschichten teils steil, die dann wie gemauerte Treppen wirken.

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Ein Bachbett mit treppenartigen Verwitterungsstrukturen am Balcon Est.

An der Baraque des Clos, einer weiteren für alle offenen Cabane, beschließe ich unterhalb der kleinen Schwester Sophie direkt in Richtung Grenoble abzusteigen, und den verbleibenden Tag für eine beschleunigte Heimfahrt zu verwenden. Ein netter Franzose nimmt mich ein ganzes Stück im Auto mit, und wir unterhalten uns trotz geringen Sprachüberlapps erstaunlich gut.

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Ein letzter Blick auf den südlichen Vercors-Bogen, bevor es an Agathe vorbei nach Norden in Richtung Grenoble geht

Damit endet nach wenigen Tagen eine erstaunlich abwechslungsreiche Tour durch eine Gegend der Alpen, die in unseren Breiten wohl wenig bekannt sein dürfte. Die gute Infrastruktur vor Ort und das rege Begängnis zeigen jedoch, dass sich das Vercors vor Ort großer Beliebtheit erfreut.

Aufgrund der geringen Höhe sind hier auch früh im Jahr schon schneefreie Wanderungen möglich.

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Baraque de Clos, eine der im Vercors unentgeltlich nutzbaren Hütten